Sonntag, 21. Juni 2020

Der Wurmberg

Der andere große Berg an der Harzgrenze nennt sich Wurmberg. Den kenne ich auch, diesen Gipfel habe ich aber nicht zu Fuß bestiegen. Vielmehr habe ich den Wurmberg für das genutzt, wofür er ganz offensichtlich ausschließlich gedacht ist: Wintersport. Im Winter bin ich in einen Bus (wieder mal 45 Minuten Umsteigezeit) gestiegen, der nach Braunlage fuhr. Braunlage besteht aus grauen Schindeln, Wintersport und Holzhäuschen. (Das "Haus Waldfrieden" steht direkt neben dem "Haus Jäger".)

In anderen kleinen Holzhäuschen befinden sich die Polizei oder das Rathaus. Doch vor allem ist Braunlage völlig wintersportverückt. Im Ort befindet sich zum Beispiel eine "Skiwiese am Rathaus" inklusive Skilift (hier ohne Schnee).

Wem das zu klein ist, der kann mit der großen Gondelbahn auf den Wurmberg hinauffahren. An einem warmen Februartag ist die Warteschlange dort 25 Minuten lang und besteht zu einem Drittel aus Spaziergängern, zu einem Drittel aus Eltern mit Kindern und Schlitten und zu einem Drittel aus Wintersportlern.

Das war wirklich ein verrücktes Wetter. Es war warm und sonnig wie im Frühling. Da gerät man durchaus in Versuchung, seine Handschuhe auszuziehen. Stürzt man dann jedoch in den knietiefen Schnee, bereut man das.
Der Himmel war vollkommen klar. Rundherum schimmerten die bläulichen Harzer Halbkugelberge.

Der Wurmberg hat im Prinzip drei Seiten. Im Süden führt die Große Wurmbergabfahrt runter nach Braunlage. Die war so richtig schön lang. Auf dem untersten Stück fahren die Familien Schlitten, das war für Skifahrer offiziell gesperrt. Wer das geflissentlich ignoriert, kann für eine echt weite Strecke (für ein Mittelgebirge jedenfalls) auf Skiern zurücklegen, bevor er wieder 25 Minuten an der Gondelbahn ansteht.

Im Osten am Hexenritt liegen ganz viele verschiedene Skipisten nebeneinander, rote, blaue und schwarze. Die führen runter zum Hexenritt-Parkplatz, wo die meisten Skifahrer mit dem Auto anreisen und direkt in den Sessellift steigen.
Dafür, dass die so stark benutzt wurden, fand ich die echt angenehm, der Schnee war gar nicht mal so stark zerfahren. Skifahren lässt es sich hier also sehr gut, zum Wandern hingegen ist der Wurmberg völlig ungeeignet. Auf dem Pistenplan sind keine Wanderwege verzeichnet, Google Maps lotst Wanderer immer nur auf die Skipisten und die einzige aufgehängte Karte ist detailarm und nicht sonderlich hilfreich. Sie zeigt nur einen Wanderweg, der gar nicht auf dem Wurmberg entlangführt, sondern einen großen Umweg zum Gipfel macht.
Oben auf dem Wurmberg stehen Restaurants und ein Turm in einem Baugerüst. Kein sonderlich schönes Wahrzeichen für den mit 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens.

Der Brocken ist natürlich noch höher und liegt gleich nebenan, aber er gehört schon zu Sachsen-Anhalt. Am Nordhang konnte ich ihn sehen. Im Tal dazwischen verlief der Eiserne Vorhang. Die beiden Pisten am Nordhang sind etwas kleiner, enger und rauer, die haben mich weniger überzeugt.

Zwischen den einzelnen Bereichen führen Verbindungswege hin und her. Manchmal auch zwei Wege direkt nebeneinander, einer davon zwei Meter höher als der andere.
Solche Schilder möchte man auf einer Skipiste lieber nicht sehen. (Die Schranke war jedoch hochgeklappt.)

Der Brocken

In Elend führt ein Ausflug auf den Brocken, den höchsten Berg im Harz und den vielleicht bekanntesten Berg aller deutschen Mittelgebirge.
Theoretisch kommt man auf einer breiten asphaltierten Straße mit dem Fahrrad bis zum Gipfel. Wer mich kennt, weiß aber: So was mache ich lieber zu Fuß. Den Brocken habe ich schon vorher bestiegen. Dazu musste ich mit zwei Bussen über Elend nach Schierke fahren. (Die Busse im Harz sind null aufeinander oder auf die Bahn abgestimmt und fahren sehr unregelmäßig. Die Umsteigezeiten betragen meist 45 Minuten. Deshalb rate ich von dieser Reisemethode ab.)
Das Dorf Schierke hat einen coolen Kurpark und stellt den in Studentenkreisen bekannten Schnaps namens Schierker Feuerstein her. Deshalb steht auch die riesige Nachbildung einer Schnapsflasche herum.
Der Brocken ist kein spitzer Berg, sondern eher eine flache Halbkugel, wie fast alle Berge im Harz. Deswegen kann man in Schierke gar nicht sehen, wo der eigentlich ist. Und während der restlichen Wanderung auch nicht - direkt am Brocken ist der Berg selbst quasi unsichtbar.

Auf dem Brocken treffen sich ja angeblich die Hexen. Deswegen passiert man zunächst den Verbotenen Wald aus Harry Potter.

Wir passierten aber nicht nur Wälder, sondern fast ebenso viele ehemalige Wälder, welche Borkenkäfern zum Opfer gefallen sind.
Auf den asphaltierten Straßen fuhren Menschengruppen auf Segways (diesen Dingern, auf denen Menschen stehend im Schritttempo fahren). Wir besteigen nun einmal einen Gipfel, der alles andere als ein Geheimtipp ist und sehr stark frequentiert wird. Aber geführte Segway-Touren? So tief sind wir noch nicht gesunken.

Der Weg passiert Straßen, Bäche und Bahnschienen. Hier verkehrt die Brockenbahn. Die wird von einer Dampflokomotive gezogen. Zu Hause hatte ich anfangs überlegt, ob man nicht eine Strecke wandern und mit der Bahn zurückfahren könnte, denn ich mag Dampflokomotiven. Aber als ich im Internet die Fahrpreise sah, verwarf ich diese Idee ziemlich schnell.

Und nun folgt der anstrengendste Teil des Aufstiegs, ein steiler, steiniger Weg, der auf direktem Wege bergauf führt, während sich Straße und Gleise langsam als Spirale um den Berg schlängeln. Für Segways ist dieser Weg übrigens nicht geeignet. Eine Masse an Leuten kraxelte hier gemeinsam mit uns hinauf. Aber der Weg war relativ breit, also konnte sich jeder aussuchen, über welche dicken Felsbrocken er lieber weiterlaufen möchte. Wir konnten uns sogar auf einen Felsbrocken auf dem Weg setzen, um Pause zu machen.
Am Eckerloch, zu Beginn dieses Abschnitts, entspringt die Ecker, die wenig später die Grenze bilden wird. Später mündet sie in die Oker, von da aus fließt das Wasser weiter über die Saale in die Elbe.

Schließlich führt der Steinweg wieder auf die Spiralstraße. Hier sammeln sich nun sämtliche Verkehrsteilnehmer, einen anderen Weg zum Gipfel gibt es nicht mehr. Das birgt Gefahren, vor denen ein anschauliches Schild warnt.

Dann waren wir oben. Auf dem Gipfel bewegt sich ein Meer aus Gras, aus dem Steine ragen. Die Berge sind alle blau und halb transparent.

Da unten, da ist das Tal, wo der Weser-Harz-Heide-Radweg entlangführt! Oder? Und die Stadt da - ist das jetzt Goslar? Oder Bad Harzburg? Oder Wernigerode? Keine Ahnung.

Ein kreisrunder Weg umschließt den Gipfel. Das beeindruckendste Objekt auf diesem Rundweg ist  diese Felsformation. Sie nennt sich Teufelskanzel. Hier beobachteten Faust und Mephistopheles angeblich die Walpurgisnacht - in jener Szene, bei der schon zahlreiche Schüler im Deutschunterricht dachten: Okay, was soll das denn jetzt? (Und dann, beim "Walpurgnisnachtstraum": HÄ?)

Und was ist das hier? Einfach eine Wiese aus langem Gras? Irrtum! Das ist ein botanischer Garten, der zur Uni Göttingen gehört und auf Gebirgspflanzen spezialisiert ist. Zugegeben, das erkennt man nicht sofort... aber da hinten stecken tatsächlich ein paar windschiefe Schilder in der Erde.

Auf einem riesigen Platz aus Sand liegt ein Haufen Findlinge. Und die sind der 1141 Meter hohe Gipfel vom Brocken. Metallplatten zeigen an, wie weit es wohin ist.
Dass die "Plattform" auf dem Gipfel so irrsinnig groß ist, hat den Vorteil, dass genug Platz für alle Menschen ist. Ein Nachteil ist, dass man nicht einfach in alle Richtungen auf einmal gucken kann, wie es sonst für einen Berggipfel typisch ist. Will man die Aussicht in alle Richtungen gründlich abchecken, kann das schon ein Rundgang von einer Viertelstunde um den ganzen Gipfel werden.
Oder man macht es wie die Kinder und klettert einfach auf die Findlinge.
Das höchste Gebäude ist der rechteckige graue Kasten mit Aussichtsplattform im Hintergrund. Das Haus mit der Kuppel dahinter ist das Brockenhaus, ein modernes Museum.

Leider war die Aussichtsplattform um die Kuppel geschlossen, weil der Wind zu stark wehte. Also hörten wir stattdessen als DDR-Spitzel ein paar Leute ab, also quasi. Denn die innerdeutsche Grenze führte einst genau über den Brocken (während die heutige Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen weiter westlich außenrum verläuft). Auf dem Brocken waren Soldaten und Stasi-Lauscher stationiert, die ihr Volk und den Westen ausspionierten. Nebenan saßen Mitarbeiter des Fernsehens, die vom Brocken sendeten. Die wurden aber möglichst von den anderen getrennt gehalten.

Samstag, 20. Juni 2020

Der Eckerstausee

Unterdessen wagen sich wieder einige Waldwege in die Schlucht der Ecker. Tief eingeschnitten zwischen grauen Felsen plätschert sie aus dem Harz herab. Hier lässt es sich ganz wunderbar wandern. Die Ecker ist ein wunderschöner, aber total versteckter Fluss. Die olle Betonbrücke von Stapelburg verrät nicht, was dieser Bergbach alles zu bieten hat.
Auf manchen Wegen könnte man sogar Fahrrad fahren, und manche Mountainbiker machen das auch. Aber die breiten Forstwege verwandelt sich auch gern mal in schmale Pfade, sodass es keine durchgehende Strecke für den Iron Curtain Trail gibt.

Nach vielen Kilometern tauchen erstmals wieder menschengemachte Gebäude auf. Es werden für eine ganze Weile die letzten sein.

Sie gehören zur möglicherweise hässlichsten Staumauer im Harz. Hier gibts kein prächtiges Mauerwerk wie an der Eder oder einen großen grünen Graswall wie an der Söse. Dieses Stauwehr besteht aus grobem, scheußlichen Beton. Dieses Monster bauten die preußischen Provinzen Hannover und Sachsen ab 1940. Ein Drittel der Staumauer gehörte später DDR, zwei Drittel der BRD. Architektonisch sieht es allerdings aus, als sei die gesamte Staumauer sozialistisch gewesen.

Da ist es kein Wunder, dass die Regierung der DDR noch mehr von der Mauer haben wollte, wo sie doch Mauern generell mochte und der Baustil auch noch so gut zum Land passte. Mitten auf der Mauer steht ein kleines weißes Technikhäuschen.


Die DDR beanspruchte zunächst auch noch die Hälfte dieses Häuschens.

Die BRD nutzte den Stausee zur Trinkwassergewinnung, konnte die Mauer und die Fernwasserleitung auf der Ostseite aber nicht reparieren. Die DDR mauerte mit Zigelsteinen eine kleine, provisorisch aussehende Mauer auf die Mauer. In den Gängen im Inneren der Staumauer zeigten weiße Striche die Grenze an. Zum Glück ging in all den Jahren auf der Ostseite nichts Wichtiges kaputt, sonst hätte das Trinkwasser in Braunschweig knapp werden können.
Erst 1978, später als bei den anderen Grenzproblemen, gab es hier eine Einigung. Die verzichtete DDR auf die Hälfte des Häuschens, die Ostseite durfte aber immer noch nicht betreten werden, trotzdem konnte die Talsperre irgendwie sinnvoll bewirtschaftet werden.

Jetzt wirds mal wieder widersprüchlich: Auf die hässlichste Staumauer Deutschlands (oder zumindest im Harz) folgt der absolut und vollkommen wunderschönste Stausee Deutschlands (oder zumindest im Harz). Wow!
Als Gott diese Landschaft schuf, fragte er die Menschen: An welchen Stellen wollt ihr den Brocken sehen? Die Menschen antworteten: Ja. Und so geschah es. Der höchste Berg ist überall zu sehen.

Um diesen Stausee führt ein grandioser Wanderweg, der seltsamerweise Pionierweg heißt, obwohl die Jungpioniere der DDR hier sicherlich nicht herumlaufen durften. Wer am Radau-Wasserfall startet (wo der nächste Parkplatz oder die nächste Bushaltestelle lieg) und die volle Runde inklusive Scharfensteinklippen läuft, hat 20 Kilometer vor sich. Eine ganz schöner Brocken, aber es lohnt sich richtig. Der Pfad am steilen Waldufer im Westen ist schon ganz großartig.

Aber am Ostufer zeigt der See seine ganze Pracht, denn hier wächst etwas ganz Besonderes: Heidekraut in großen Mengen. Dieser Heidestausee hat mehr zu bieten als viele der kleineren, vielbeworbenen Heideflächen in der Lüneburger Heide. Der ganze steile Abhang bis zum Wasser ist bewachsen und leuchtet im Sommer bestimmt phantastisch violett. Wow!
Bis ganz runter zum See kann und darf man nirgendwo gehen. Dort stehen Warnschilder, die auf ein Trinkwasserschutzgebiet hinweisen.

Die innerdeutsche Grenze verlief durch den Stausee, aber nicht einfach in der Mitte, sondern geschlängelt - so wie der Fluss früher vor dem Bau der Staumauer verlief.

Die Grenzsperranlagen befanden sich natürlich noch ein ganzes Stück weiter am Ostufer. Der Kolonnenweg ist noch erhalten.

Dahinter erheben sich die Scharfensteinklippen. Auf diesen Felsen befindet sich noch mehr Heidekraut und eine schöne Aussicht über den See, die ich leider nicht gesehen habe, weil die Zeit nicht mehr für einen Ausflug auf die Klippen gereicht hat.
Das Gestein wird Eckergneis genannt und hat im Laufe von Jahrmillionen Abenteuer erlebt, neben denen unsere Wanderung wie ein Kindergartenspaziergang wirkt: Erst lag das Zeug auf dem Kontinent Baltica, dann im Meer, dann 20 Kilometer unter der Erde und schmolz bei 1200 Grad zusammen. Das reicht locker, um aus Ton und Sandstein so stabile graue Blöcke zu formen.

Weiter verzieht sich der Pionierweg tiefer in den Wald und der Stausee ist nicht mehr so oft zu sehen. Und dann ist er zu Ende. In einer rauschenden, grüngrauen Landschaft mit dicken Felsbrocken wird aus dem See wieder ein Fluss.

Und nun verschwindet die Ecker noch tiefer im Wald, in einer Schlucht, die noch enger und wilder ist als die vor dem Stausee. Sie sprudelt und strudelt und springt über große und kleine Steine wie ein echter Bergbach. Hier kann die Ecker sogar mit manchen Schluchten der Alpen mithalten, denn dort geht es auch nicht viel wilder zu. Der Wanderweg führt anfangs hoch über den Baumwipfeln am Rand der Berge entlang, sodass das rauschende Wasser kaum zu erkennen ist. Aber dann geht es immer näher an den Fluss, über Wurzelpfade und Holzplanken immer tiefer in die verborgene Schlucht, die das vielleicht größte Geheimnis des Eisernen Vorhangs birgt.

Es ist eine total absurde Information, die ich im Buch Halt! Grabenmitte Grenze gelesen habe. Kaum jemand kennt sie, nicht einmal das Personal in den Grenzmuseen hat sie mir geglaubt.
Und so lautet sie: Der Eiserne Vorhang hatte ein Loch. Der Grenzzaun verschwand im Wald, sodass es aussah, als würde er ganz normal weiterführen. Niemand, auch nicht die Einheimischen (die ja auch nicht dicht dran durften), konnte sich etwas Anderes vorstellen. Doch sobald der Zaun nicht mehr zu sehen war, hörte er für mehrere Kilometer zwischen dem Brocken und Scharfensteinklippen auf. Der Untergrund bestand aus Moor und Felsbrocken und war denkbar schlecht geeignet, um irgendwas Stabiles darauf zu bauen. Deshalb verzichtete die DDR auf diesen Abschnitt. Sie konnte es sich leisten.
Zwar denkt man sich erstmal: Schade, Mensch, da hätten doch alle DDR-Bürger ganz leicht abhauen können, wenn sie es gewusst hätten. Dem war leider nicht so. Das Gelände war so steil und unwegsam, dass ein Wanderer pro Stunde nur einen halben Kilometer schaffen konnte. 5 Kilometer Sperrgebiet plus 500 Meter Schutzstreifen plus 10 Meter Kontrollstreifen plus 400 Meter Geländestreifen, das macht insgesamt eine Wanderung von etwa 12 Stunden - noch langsamer wird es, wenn man sich versteckt. Außerdem hätten sich die meisten Leute verlaufen, da es keine Karten zu kaufen gab und Google Maps noch nicht existierte. Wahrscheinlich wäre man da früher oder später einer Patrouille in die Arme gelaufen.

Doch heute hat der Nationalpark Harz einen Teil dieses Gebiets erschlossen und ausgeschildert, nicht ohne die Besucher zu ermahnen, den Weg nicht zu verlassen. Der Pionierweg folgt der Ecker bis zur Eckerquerung. Das ist eine Furt mit den größten Steinen, die ich je gesehen habe. Barrierefrei ist der Weg also nicht gerade, aber für gesunde Menschen ist es kein Problem, die Ecker mit großen Schritten über diese dicken Brocken zu überqueren. Am anderen Ufer führt der Weg zurück zum Stausee, dort allerdings weit vom Fluss entfernt.

Nun ist die Ecker selbst die mutigsten Wanderer losgeworden und kann durch eine echte Wildnis fließen, ohne jede Zivilisation. Es ist schön zu wissen, dass es so etwas in Deutschland noch gibt.
Die innerdeutsche Grenze folgte der Ecker bis zu einem der berühmtesten Berge Deutschlands.

Die Rabenklippen

Zwischen Harzburg und Stapelburg zieht sich ein Netz aus Forstwegen durch den Harz. Es verfügt über laut sprudelnde Bäche und Gräben, die typischen Harzholz-Wegweiser (als mal einer fehlte, bin ich natürlich direkt falsch abgebogen) und Wasserfälle aus Gras. Diese Wege führen zu Sehenswürdigkeiten, von denen einige etwas mit der Grenze zu tun haben.

Selbst im tiefsten Winter leben hier zwei Tierarten: Pochende Spechte und leise schleichende Luchse. Beide haben mich sehr beeindruckt.
Der Specht (in der Mitte links am Stamm) war nämlich der erste, den ich nicht nur in der Ferne klopfen gehört, sondern gesehen habe. Er flatterte immer wieder um den Baum und hatte sich noch nicht endgültig für eine bestimmte Stelle entschieden, wo er sein Nest in den Baum hämmern wollte. Sein Meißelschnabel sah kleiner aus als gedacht, ein zähes kleines Ding.

Über den Bergen von Bad Harzburg ragt das eiserne Kreuz des Deutschen Ostens aus dem Nebel und Schnee. Es ist ungefähr dreimal so groß, wie es auf dem Foto aussieht. Als ich es auf einer Wanderung gesehen habe, fühlte ich mich richtig überrumpelt, als der Koloss aus Holz und Eisen plötzlich auf mich herabschaute. Das Kreuz erinnert neben der Grenze vorwiegend an die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb stehen ringsherum Felsbrocken mit den Wappen der früheren deutschen Ostgebiete. 
Das Kreuz steht nicht direkt an der Grenze. Dafür gibt es einen Grund.

Der Grund ist: Die Eckerschlucht ist dermaßen eng und unwegsam, dass anfangs nicht einmal ein Wanderweg darin verläuft (von einem Radweg ganz zu schweigen). Schilder versuchen, die Wanderer von der Schlucht wegzulotsen.
Über dem Tal erheben sich die Rabenklippen. Sie bestehen aus diesen typischen graubraunen Harz-Felsen. Die einzelnen Felsklumpen sind hier zu einer richtigen Klippe zusammengewachsen und liegen nicht einzeln herum wie anderswo im Harz. Was sie mit Raben zu tun haben, weiß ich nicht. Der neblige Winter ist vermutlich nicht die beste Jahreszeit, um von dort herunterzuschauen und mit etwas Glück die Talsohle erkennen zu können. Die schlechteste Jahreszeit ist es aber auch nicht. Selten ist eine Landschaft so radikal weiß.

Die Rabenklippen sind ein beliebtes Ausflugsziel - außer im Winter, da war ich der einzige, der sich zu den Klippen traute. Denn dazu musste ich die völlig vereiste und zugeschneite Treppe überwinden, die zu einer rutschigen Rampe entfremdet war. Weil ich mich mit beiden Handschuhen am Geländer festhielt, ging es, ich wäre nur zweimal fast hingefallen.

Direkt hinter den Klippen stolzieren Luchse mit aufgerichtetem Schwanz durch ihr weitläufiges Luchsgehege. Die großen grauen Katzen scheinen sich im Schnee sehr wohlzufühlen und wälzen sich gelegentlich gemeinsam in dem kalten Zeug, wobei ich nicht weiß, ob das nun Spiel, Kampf, Paarungsritus oder alles zugleich war.

Bad Harzburg hat eine große Vorliebe für Raubkatzen: Zum Luchsgehege führt der ausgeschilderte Luchspfad, und zum Wildkatzengehe der Wildkatzenpfad. Wildkatzen sind scheue Tiere, da ist es nur passend, wenn der Wildkatzenpfad durch das sehr ruhige, verstreckte Tal des Reichenbachs führt. Der Pfad ist mit einer Bushaltestelle für Wildkatzen, geschnitzten Wildkatzenfiguren und Wildkatzenbänken ausgestattet. Dahinter plätschern ganz leise die, nun ja, nennen wir sie mal Reichenbachfälle. Diesen Sturz hätte Sherlock Holmes vermutlich überlebt.


Ganz anders sieht es im Nachbartal aus. Da verlaufen neben einem Steinbruch sowohl die Bundesstraße als auch ein Fluss namens Radau. Bei dem Namen kann man sich schon denken, dass es da nicht ganz so leise und idyllisch ist. Trotzdem kann ich einen Ausflug in dieses Tal absolut empfehlen, und der Grund dafür ist ein Eisenbahner aus dem Jahr 1859. Der grub damals einen schnurgeraden Graben und schnorrte sich dadurch ein bisschen Wasser von der Radau.

Diesen Graben ließ er so clever an der Seite des Tals entlanglaufen, dass das geborgte Wasser viel höher als der ursprüngliche Fluss fließt. Deshalb möchte es gern zurück zu seinem ursprünglichen Fluss. Und das tut es, in dem es sich zielstrebig über die Kante einer Klippe stürzt - und runterfällt.

So entsteht der Radau-Wasserfall. Unter allen Wasserfällen im Harz habe ich bisher keinen gesehen, der höher war oder einen lustigeren Namen hatte.
Eine Regel im Harz lautet: Ist der Wasserfall zu hoch, dann ist er nicht natürlich. Von oben ist das an dem kleinen Kanal zu erkennen, von unten sieht der Fall auf den ersten Blick echt aus. Das Wasser plätschert um die kleinen Felszacken und sammelt sich rauschend am Fuß des Felsens. Obwohl, Moment mal, das entspricht viel zu sehr der menschlichen Idealvorstellung eines Wasserfalls, um natürlich zu sein!
Warum hat sich der Eisenbahner so viel Mühe gemacht, den Wasserfall anzulegen? Ganz einfach: Er wollte Touristen anziehen. Das klappt bis heute super, über und unter dem Wasserfall ist immer was los. Kein Wunder, dieser Fall ist nicht nur der spektakulärste im Harz, sondern auch noch super mit dem Auto oder Bus (1 Haltestelle von Harzburg) zu erreichen.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Von Breitenrode nach Marienborn (Aller)

Wir wollten dieses Jahr ein paar Tage den Radweg an der innerdeutschen Grenze fahren, dem deutschen Teil des Eisernen Vorhangs. Eigentlich wollten wir oben in Lübeck beginnen, wie es sich gehört. Da hat uns ein gewisses Virus aber einen Strich durch die Rechnung Buchung gemacht. Stattdessen habe ich mittendrin angefangen und bin ein paar Etappen gefahren, die als Tagesausflüge erreichbar sind.
Zunächst eine Etappe, die ich schon vorher kannte:

Die Aller-Grenze

Streckenlänge: 37,8
Grenzquerungen: 4 (Iron Curtain Trail) bzw. 2 (Allerradweg)
Bundesländer: Niedersachsen/Sachsen-Anhalt
Erkenntnis: Ein heutiger Stau ist wahrscheinlich lächerlich im Vergleich zu dem, was in Marienborn los war.

In Breidenrode (bei Oebisfelde) trifft die Grenze auf die Aller, einen Nebenfluss der Weser. Zunächst verläuft die Grenze genau auf der Aller, dann schweift sie ein bisschen davon ab. Kein Wunder, die Aller ist hier ja nur ein kleines Flüsschen.
Hier ist in der Karte ein Ausflug nach Wolfsburg eingezeichnet. Lassen Sie mich dazu folgenden Kommentar abgeben: Nein.
Es ist mir völlig schleierhaft, wieso ein Ausflug nach Wolfsburg eingetragen ist, aber später keiner nach Eisenach. Eisenach liegt nicht nur näher am Radweg, es ist auch etwa zehntausendmal schöner und sehenswerter.

Die Grenze durchquert zwei Naturräume. Zuerst den Drömling, ein flaches, wunderschönes Wald- und Moorgebiet mit einer vielfältigen Tierwelt (Zecken, Eulen, Zecken, Kühe und Zecken).

Danach wird es zum ersten Mal so richtig bergig am Grünen Band. Die Grenze verläuft auf dem Bergrücken im Lappwald, der Weg ist weiter unten am Waldrand.

Zwischen Breitenrode und Marienborn ist der Radweg am Eisernen Vorhang weitgehend identisch mit dem Allerradweg. Deswegen bin ich diesen Abschnitt bereits gefahren, allerdings in umgekehrter Richtung:
Bei Helmstedt schweift der Iron Curtain Trail ein bisschen vom Allerradweg ab und führt auf Kieswegen durch den wunderbaren Wald. Die Grenze fließt gleich nebenan in Gestalt des Mühlbachs. Ein Ausflug nach Helmstedt ist auch eingezeichnet, was sich schon mal mehr lohnt als Wolfsburg.

Am Wegesrand steht ein alter Propaganda-Lautsprecher der DDR.

Eine besonders wichtige Stelle ist die Gedenkstätte Marienborn. Dieser riesige Kontrollpunkt an der Autobahn war der wichtigste  und bekannteste Grenzübergang zwischen den beiden deutschen Staaten, quasi der Checkpoint Charlie der nicht-berlinerischen Grenze. Für die Durchreise nach Westberlin (Verlassen der Autobahn streng verboten) gab es eine Extraschlange. Seit dem Ende der Berliner Luftbrücke konnten die Wessis hier die DDR durchqueren. Natürlich wollte die DDR nicht, dass sich an der Raststätte unterwegs ein Flüchtling im Auto versteckt, aber gleichzeitig sollten die Kontrollen auch nicht zu lange dauern. Die Lösung: Alle Autos werden schnell von irgendwelchen Strahlen geröngt, die lebende Körper im Wagen am Bildschirm sichtbar machen. Davon wussten die Autofahrer nichts. Welche Auswirkungen das auf die Gesundheit der Reisenden hatte, bleibt ungewiss.
Heute kann jeder die Anlage kostenlos betreten und herumlaufen. Dahinter fahren die LKWs auf der Autobahn. Bei Stau sieht es fast so aus, als würden sie immer noch am Grenzübergang Schlange stehen.