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Samstag, 27. Juni 2020

Von Walkenried nach Arenshausen

Die Eichsfeld-Grenze I

Länge: 77 km
Grenzquerungen: 7
Bundesländer: Niedersachsen/Thüringen
Seite: mehr Ost als West
Erkenntnis: Es gab mal einen Ort, an dem Katholiken echt coole Rebellen waren.

Der Harz liegt hinter mir, also wird es jetzt wieder flach? Falsch! Heute durchquere ich das Eichsfeld, und das bedeutet eine Hügelkette nach der anderen.
Hinter Walkenried führt die Grenze durch eine Wald- und Moorlandschaft zur 1. Kutzhütter Fabrik-Hügelkette. (Ganz genau, die Fabrik befindet sich in dem kleinen Fachwerkhäuschen.)

Es folgt die 2. Tettenborner Hügelkette. In Tettenborn sollte es ein kleines Grenzmuseum geben Das hatte aber noch zu. Macht nichts, später kommt noch eins. Hinter der Autobahn erreicht die Straße Thüringen.

Auf der 3. Limlingeroder Hügelkette stehen zahlreiche Holzbänke aus Paletten. Hier konnte ich den Autoverkehr verlassen und ein bisschen allein auf einem Radweg fahren.

Kurz darauf beginnt ein Wald, den ich über ein kleines Tal wieder verlassen habe. Das Tal hat ein Bach gebildet. Diesem kleinen Wasserlauf, dessen Namen ich nicht weiß, bin ich wirklich dankbar. Er hat mir an diesem Tag die einzigen paar Kilometer ohne Steigungen geschenkt.

In Fuhrbach führt der Bach nach Niedersachsen rüber. Hier soll irgendwo eine Friedenseiche stehen, die an die Grenze erinnert. Welcher der Bäume das jetzt war, weiß ich auch nicht. Suchen Sie sich einen aus.
Hier stand mit der Ziegelei Zwinge einer der wenigen grenznahen Betriebe, der weiterbetrieben wurde. Die Arbeiter wurden jeden Morgen von der Grenzpolizei kontrolliert. Eine Mauer umschloss die Ziegelei, über die es anfangs dem einen oder anderen gelang, in den Westen zu klettern.
Die Beschilderung für Radfahrer ist kaum vorhanden. Ich habe mich überwiegend an gelben Autoschildern orientiert.

Hier wendet sich die Grenze (links im Wald) wieder nach Süden. Entlang der Straße geht es direkt nach Duderstadt. Auf dem Weg liegt noch die Rothe Warte, eine bekannte Waldgaststätte. Als die Aliierten 1945 die Zonengrenze bestimmten, sollte ein großer Teil des Duderstädter Waldes an die Ostzone fallen. Bis zur Übergabe erlaubte die Stadt den Bürgern, dort so viel Holz zu fällen, wie sie wollten. Kurze Zeit später erhielten die Sowjets einen sehr ausgedünnten Wald.

Duderstadt besteht aus rotem Fachwerk. Es ist nämlich eines dieser bezaubernden Fachwerkstädtchen im südlichen Niedersachsen, die ich so gern habe. Auch wenn Göttingen, Einbeck und Hann. Münden noch fachwerkiger sind - direkt am Grünen Band werden Sie in ganz Niedersachsen keine schönere Stadt finden. Duderstadt wurde 1989 kurzzeitig
Trabbi Town genannt, die Stadt mit den meisten Trabbis, als nach dem Fall alle durch den nahen Grenzübergang hierher trabten.
Was ich auch sehr sympathisch finde: Duderstadt hat ein Grenzdenkmal, das ich verstehe.

Als nächstes leitet mich die Karte über die 4. Duderstädter Hügelkette. Der Radfahrer strampelt über die grünen Felder nach Thüringen. Das nächste Grenzdenkmal nennt sich OstWestliches Tor und ist wieder sehr abstrakt: Zwei geschälte Bäume auf einem Stahlband.

Im Dorf Wehnde habe ich mich ziemlich verfahren, bis ich auf einen Betonplattenweg nach Teistungen gelangte.

Im Mittelalter hatte Teistungen ein großes Kloster namens Teistungenberg. 1962 wurde es abgerissen, nur einige alte Efeumauern stehen noch.
Heute steht dort ein neuer Gebäudekomplex, der ein Luxushotel beinhaltet (hinten im Bild). Auch ein kleiner Freizeitpark soll dort entstehen.

Falls die Hotelgäste mal Lust auf politische Bildung statt Poolbaden haben, können sie die Straße in einem gläsernen Tunnel überqueren. Hier steht das Grenzlandmuseum Eichsfeld.

Anfangs gab es in ganz Deutschland nur drei Grenzübergänge zur DDR. Nach dem Grundlagenvertrag kamen 1973 vier weitere dazu, die für den sogenannten Kleinen Grenzverkehr bestimmt waren. Einer davon befand sich im Gebäude, das heute das Museum enthält: Die Grenzübergangsstelle Duderstadt-Worbis.
Kleiner Grenzverkehr bedeutet: Die Westdeutschen durften maximal neun Tage in die Landkreise nahe am Grenzübergang reisen, an diesem Übergang also ins Eichsfeld und in den Ostharz. Für neugierige Touristen war das erfreulich, für Menschen mit Verwandten auf der anderen Seite ein Segen. Ein Visum kostete 15 Mark, außerdem musste jeder Reisende 25 DDR-Mark pro Tag umtauschen. Die BRD-Regierung forderte die Bürger auf, diese Reisemöglichkeit oft zu nutzen, damit sich die Deutschen wieder annähern.
Außerdem wurde 1973 eine direkte Telefonleitung zu den westlichen Beamten eingerichtet, um Grenzprobleme zu klären, zum Beispiel bei der Brandbekämpfung.

Das dürfte das einzige Grenzmuseum mit einem Spiegellabyrinth sein. (Begründung: Grenzen spiegeln Systeme.)

Anschließend muss der Besucher eine Passkontrolle passieren. Die Schaufensterpuppe sagt "Ihren Pass bitte.". Diese Kontrollschleuse war für Westdeutsche gebaut worden, die mangels eigenem Auto die Grenze mit einem Linienbus überquerten.
Das waren auch schon die aufregendsten Stationen. Ansonsten beinhaltet das Museum Text mit Bildern, Zeitungsausschnitte und alte Schreibmaschinen im originalen Stenoypistenraum. Im Keller sollte es eine Arrestzelle für geschnappte Flüchtlinge geben, die habe ich aber nicht entdeckt.
Ein paar Texttafeln widmen sich dem katholischen Eichsfeld. Die DDR-Regierung wollte diese zurückgebliebene Region industrialisieren und den Bürgern durch diesen Aufstieg möglichst ihre Religion abgewöhnen. Ersteres gelang sogar einigermaßen, letzteres gar nicht. Auch wenn neue Kalibergwerke, Zementwerke und die größte Baumwollspinnerei Europas (in Leinefelde) neue Arbeitsplätze schufen, hielten die Eichsfelder weiterhin ihre katholischen Prozessionen quer durchs Dorf ab. Anders als im Rest des Landes machen nur wenige Jugendliche die Jugendweihe, in einigen Dörfern sogar null Prozent.

Ferner beinhaltet das Museum ein paar alte Militärfahrzeuge und den Mühlenturm, in dem die Stasi die ganze Anlage kontrollierte. Bis 1970 befand sich in dem Turm tatsächlich eine Mühle. Es ist das einzige zivile Gebäude, das als Teil der DDR-Grenzanlagen umgebaut wurde.
Der Mühlenturm gehört zum Museum und sollte eigentlich auch geöffnet sein, war er aber nicht. Das hohe Betonding mit DDR-Flagge (rechts hinten) sollte die Autofahrer bei der Einfahrt beeindrucken.

Falls jemand versuchte, mit dem Auto auf die harte Tour durch den Grenzübergang zu brechen und einfach alles kaputtzufahren, wurde dieser fette Schlagbaum heruntergelassen. Der brachte selbst einen LKW zum Stehen. Der Knopf zum Absenken befand sich auch im Mühlenturm.
Diese Straße führt zurück nach Duderstadt. Da war ich schon, also kurz vor der Grenze nach links!

Hier führt wieder einmal so ein originaler Kolonnenweg an originalen Grenzzäunen entlang, darauf verläuft ein Grenzwanderweg.
Zuerst überquert er den Bach namens Hahle. Die Brücke haben die Grenztruppen damals errichtet. Über den Fluss errichteten sie einen Gitterzaun, in dem sich Treibgut verfing. Manchmal war der Zaun so verstopft, dass die Hahle die umliegenden Äcker überflutete. (Ja, nicht einmal Wasser durfte die DDR ohne Erlaubnis verlassen.) Dann kurbelten die Grenzsoldaten das Gitter nach oben und eine Flutwelle mit Treibgut schwappte in den Westen. Das sorgte nicht nur für Sachschäden, sondern tötete 1981 sogar einen Menschen.
Ein anderer seltsamer Vorfall ereignete sich 1964 in diesen Hügeln, als DDR-Soldaten Grenzpfähle herauszogen und weiter im Westen wieder reinsteckten. Laut dem Potsdamer Abkommen sollte die Grenze nämlich genau so verlaufen (wie früher schon zwischen dem Königreich Hannover und Preußen). Die Briten sind bei einem Gebietstausch um ein paar Meter davon abgewichen und hielten das in einem Extra-Abkommen mit den Sowjets fest. Als der Bundesgrenzschutz mit Verstärkung zurückkehrte, musste die DDR wortwörtlich zurückstecken.

Solche kleinen Beobachtungsbunker standen ab und zu an der Grenze. Sie sollten offiziell die Grenzsoldaten vor Schüssen aus dem Westen schützen. So etwas ist zwar nie passiert, aber sicher ist sicher.

Die Flüchtlinge konnten nie wissen, ob sie durch den schmalen Spalt beobachtet wurden.

Dann trennt sich nun der lokale Grenzwanderweg vom Iron Curtain Trail und führt auf der Westseite im Bogen zurück.
Der interessanteste Ort auf der Westseite dürfte der Pferdeberg sein. Der heißt so, weil König Heinrich I. im Jahre 929 möglicherweise ein Gestüt unterhielt, oder auch nicht. Später bauten die Duderstädter dort die Perde-Warde (Pferdewarthe), einen steinernen Beobachtungsturm als Teil ihres Verteidigungssystems. Im Kalten Krieg war der längst zerfallen und es entstand ein neuer Beobachtungsturm aus Holz. Der diente allerdings nicht der Verteidigung, sondern der politischen Bildung und gewissermaßen auch dem Schutz der Bürger vor ihrem eigenen Leichtsinn. Wenn sie die Mauer aus der Ferne gut sehen können, gehen sie hoffentlich nicht zu dicht dran - mit dieser Hoffnung baute der Bundesgrenzschutz solche hölzernen Hochsitze mitsamt Informationstafeln. Damit übernahmen der Grenzschutz touristische Aufgaben.

Ich hatte so viel Zeit im Museum und auf dem Grenzweg verbracht, dass es langsam eng wurde. Eigentlich wollte ich nicht auch noch zum Pferdebergturm, aber irgendwie hatte ich mich in diesem Wald ein bisschen verirrt. Als sich der Turm plötzlich vor mir erhob, bin ich dann aber doch hinaufgestiegen.
Okay, neuer Versuch. Ah, der Immingeröder Kreuzweg! Jetzt wusste ich wieder, wo ich bin - ungefähr jedenfalls. Und ich wusste, wo es langging - steil nach unten, wieder runter von den Duderstädter Hügeln.
Dieses Kreuz stiftete 1984 die Jungfrau (woher auch immer Informationstafel das so genau weiß) Christine Borchardt aus Dankbarkeit, als sie eine schwere Krankheit heil überstand. Sehr dankbar waren im Jahre 1961 auch 13 Menschen, als sie dieses Kreuz erreichten.

Unten im Tal habe ich Böseckendorf durchquert. Dieses Dorf wurde 1961 bekannt für die wohl größten Massenfluchten über die Grenze: Hier ist fast ein ganzes Dorf abgehauen. Zweimal rannten jeweils 13 Menschen (je ein Viertel des Dorfes) trotz Tretminen zwei Kilometer in den Westen. Beim zweiten Mal war zwar furchtbares Winterwetter und der Schlitten mit ihren Habseligkeiten kippte dreimal um. Aber die Zeit drängte, denn ein lokaler Grenzsoldat wollte mitflüchten und helfen, und der sollte bald ausgewechselt werden. In der BRD gründeten sie Neu-Böseckendorf.

Der Rest der Strecke bietet kaum noch historische Relikte, sondern nur noch Steigungen, Steigungen und Steigungen. Besonders steil ist die 5. ätzend hohe Hügelkette bei Etzenborn und Neuendorf.

Uff! Dann noch die 6. Weißenborner Hügelkette und die 7. finale Hügelkette ins Leinetal. Bei Mengelrode bietet sich ein Ausflug ins schöne Heiligenstadt an.
Eigentlich sollte es hier Radwege geben. Nun ja. Grundsätzlich ist das ein Radweg, aber Autos sind erlaubt... alles klar. Diese merkwürdigen "Radwege" waren teilweise zweispurig mit Leitlinie und so breit wie eine gewöhnliche Landstraße.

An der Autobahn hatte ich dann das Schlimmste hinter mir, es ging vor allem bergab.
Dabei entdeckte ich doch noch ein Zeugnis der Vergangenheit: Ein Bauer benutzt den alten Streckmetallzaun, um seine Weide zu begrenzen. Laut dem Museumswärter in Sorge kam das ziemlich häufig vor, dass sich alle am Zaun bedienten, denn sie wussten, dass dieses Material für die Ewigkeit gemacht war. Zwischen "Weg damit, verdammte DDR, ich will das nie mehr sehen!" und "Wir müssen das unbedingt als Zeugnis für unsere Nachkommen erhalten." gab es auch diese ganz pragmatische, eigennützige Herangehensweise.

Ein weiteres Kuriosum ist diese Riesenbank.

Noch ein bisschen bergauf, bald ist es geschafft. Im Hintergrund erhebt sich die restaurierte Burg Rusteberg. Die Burgen hier sehen irgendwie alle nur wie gelbe Hotels aus.

In Marth führt eine Pflasterstraße steil nach unten. So bin ich rasend schnell wie ein sehr holpriger Falke ins Leinetal hinuntergesaust.

Unten bin ich auf den guten alten Leineradweg gestoßen, der an der Hauptstraße nach Arenshausen führt. Die Leine ist der einzige größere Fluss, den ich kenne, der die Grenze einfach nur kreuzt und nicht selbst zur Grenze wird. Auch der Radweg ist nur ganz kurz mit dem Leineradweg identisch. (Da gibt es dann auf einmal wieder Fahrradschilder.) An der Leine empfiehlt sich ein Abstecher zum Museum Friedland, wo seit 1945 ein Auffanglager für Flüchtlinge steht. Es ist vielleicht kein herkömmliches Grenzlandmuseum wie die anderen, aber es hat auch mit der Grenze zu tun.

Fährt man in Richtung Friedland, so überquert man die Grenze an dieser Stelle. Direkt an der Grenzlinie befindet sich neben dem üblichen braunen Schild auch das Rittergut Besenhausen und ein kleiner Wanderweg mit Hinweistafeln. Da erzählen zum Beispiel Anwohner, wie sie auf der Rückfahrt vom Kleinen Grenzverkehr stundenlang von der Stasi verhört wurden, weil die gesehen hatten, wie ein DDR-Bürger sie kurz nach Westgeld gefragt hatte.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Von Breitenrode nach Marienborn (Aller)

Wir wollten dieses Jahr ein paar Tage den Radweg an der innerdeutschen Grenze fahren, dem deutschen Teil des Eisernen Vorhangs. Eigentlich wollten wir oben in Lübeck beginnen, wie es sich gehört. Da hat uns ein gewisses Virus aber einen Strich durch die Rechnung Buchung gemacht. Stattdessen habe ich mittendrin angefangen und bin ein paar Etappen gefahren, die als Tagesausflüge erreichbar sind.
Zunächst eine Etappe, die ich schon vorher kannte:

Die Aller-Grenze

Streckenlänge: 37,8
Grenzquerungen: 4 (Iron Curtain Trail) bzw. 2 (Allerradweg)
Bundesländer: Niedersachsen/Sachsen-Anhalt
Erkenntnis: Ein heutiger Stau ist wahrscheinlich lächerlich im Vergleich zu dem, was in Marienborn los war.

In Breidenrode (bei Oebisfelde) trifft die Grenze auf die Aller, einen Nebenfluss der Weser. Zunächst verläuft die Grenze genau auf der Aller, dann schweift sie ein bisschen davon ab. Kein Wunder, die Aller ist hier ja nur ein kleines Flüsschen.
Hier ist in der Karte ein Ausflug nach Wolfsburg eingezeichnet. Lassen Sie mich dazu folgenden Kommentar abgeben: Nein.
Es ist mir völlig schleierhaft, wieso ein Ausflug nach Wolfsburg eingetragen ist, aber später keiner nach Eisenach. Eisenach liegt nicht nur näher am Radweg, es ist auch etwa zehntausendmal schöner und sehenswerter.

Die Grenze durchquert zwei Naturräume. Zuerst den Drömling, ein flaches, wunderschönes Wald- und Moorgebiet mit einer vielfältigen Tierwelt (Zecken, Eulen, Zecken, Kühe und Zecken).

Danach wird es zum ersten Mal so richtig bergig am Grünen Band. Die Grenze verläuft auf dem Bergrücken im Lappwald, der Weg ist weiter unten am Waldrand.

Zwischen Breitenrode und Marienborn ist der Radweg am Eisernen Vorhang weitgehend identisch mit dem Allerradweg. Deswegen bin ich diesen Abschnitt bereits gefahren, allerdings in umgekehrter Richtung:
Bei Helmstedt schweift der Iron Curtain Trail ein bisschen vom Allerradweg ab und führt auf Kieswegen durch den wunderbaren Wald. Die Grenze fließt gleich nebenan in Gestalt des Mühlbachs. Ein Ausflug nach Helmstedt ist auch eingezeichnet, was sich schon mal mehr lohnt als Wolfsburg.

Am Wegesrand steht ein alter Propaganda-Lautsprecher der DDR.

Eine besonders wichtige Stelle ist die Gedenkstätte Marienborn. Dieser riesige Kontrollpunkt an der Autobahn war der wichtigste  und bekannteste Grenzübergang zwischen den beiden deutschen Staaten, quasi der Checkpoint Charlie der nicht-berlinerischen Grenze. Für die Durchreise nach Westberlin (Verlassen der Autobahn streng verboten) gab es eine Extraschlange. Seit dem Ende der Berliner Luftbrücke konnten die Wessis hier die DDR durchqueren. Natürlich wollte die DDR nicht, dass sich an der Raststätte unterwegs ein Flüchtling im Auto versteckt, aber gleichzeitig sollten die Kontrollen auch nicht zu lange dauern. Die Lösung: Alle Autos werden schnell von irgendwelchen Strahlen geröngt, die lebende Körper im Wagen am Bildschirm sichtbar machen. Davon wussten die Autofahrer nichts. Welche Auswirkungen das auf die Gesundheit der Reisenden hatte, bleibt ungewiss.
Heute kann jeder die Anlage kostenlos betreten und herumlaufen. Dahinter fahren die LKWs auf der Autobahn. Bei Stau sieht es fast so aus, als würden sie immer noch am Grenzübergang Schlange stehen.

Sonntag, 1. Dezember 2019

Von Marienborn nach Stapelburg

Die Vorharz-Grenze

Streckenlänge:
78,8 km (+ 15,5 km ab Helmstedt + 7 km nach Bad Harzburg)
Grenzquerungen: 10
Bundesländer: Niedersachsen/Sachsen-Anhalt
Seite: etwa gleich viel im Osten und Westen
Erkenntnis: Das Ödland macht keinen Unterschied zwischen Ost und West.

An der heiligen Quelle von Marienborn trennen sich Allerradweg und Iron Curtain Trail.

Südlich von Marienborn liegt erstmal ein freundlicher grüner Wald. An dieser Stel(l)e rastete schon 1841 der preußische König Wilhelm IV. (aus). Er war unterwegs zur Einweihung des Mausoleums für sein verstorbenes Vorbild, Generalfeldmarschall Gneisenau.

Besagtes Mausoleum wurde in Sommereschenburg errichtet. Dieses Dorf bietet tatsächlich Eschen und eine eindrucksvolle Burg. Und sommerlich war es auch.

Die Straße ins nächste Dorf hat keinen Radweg. Der Asphaltstreifen links sieht zwar so aus, ist aber ausdrücklich nur für Fußgänger. Macht nichts, auf der Straße ist eh nicht viel Verkehr.
Auf einmal führt sie stark bergab, der Wald verschwindet und die ganze heutige Strecke breitet sich aus. Am Horizont ragt der Harz in die Höhe. Der ist noch ganz schön weit weg. Da will ich heute hin? Uiuiui.

Zwei Dinge passierten ständig auf dieser Etappe. Erstens: Die Karte verspricht einen Asphaltweg, der sich als etwas Fürchterliches herausstellt. In das folgende Dorf führt zum Beispiel diese Pflasterstraße aus dem Mittelalter.

Zweitens: Ich wechsle ständig die Grenze. Nach der Pflasterstraße bin ich kurz auf einer niedersächsischen Straße gelandet, hinter dem nächsten Dorf geht es zurück nach Sachsen-Anhalt. An jedem Übergang steht eines der üblichen braunen Schilder mit der Aufschrift Hier waren Deutschland und Europa bis zum soundsovielten 1989 um soundsoviel Uhr geteilt.

Der nächste Grenzübergang liegt in Hötensleben. Hier sind deutlich mehr Spuren der Vergangenheit zu entdecken als ein braunes Schild. Ein großes, rund um die Uhr zugängliches Flächendenkmal sollte es hier geben, auf das ich schon sehr gespannt war.
Zuerst sah ich zwei olle Zäune und dachte mir: Das wars schon? Nein, das war es nicht, es folgen noch viel mehr. Nirgendwo sonst erhält man einen so guten Eindruck, wie die Grenze auf einer längeren Strecke tatsächlich aussah - nämlich ziemlich kompliziert. Hier mal ein Überblick.

Sperrzone (5 km)

Die Leute, die nahe der Grenze lebten, galten als besonders fluchtgefährdet. Kleine Dörfer wurden deshalb komplett abgebaut, in den größeren wie z. B. Hötensleben wurden nur politisch unzuverlässige Personen zwangsausgesiedelt. (Indiz: Der Sohn arbeitet im Westen.) An den Straßen standen Kontrollstellen. Anwohner hatten einen Vermerk im Ausweis, Besucher brauchten ein Visum. Wegen dieser Unannehmlichkeiten erhielten die Bewohner Sperrzonengeld.

Schutzstreifen (500 m) mit
  • Signalzaun ab 1983. Wer da rüberkletterte und den leichten Strom unterbrach, löste einen Alarm aus - anfangs einen lauten, später einen stillen. Weil die Bürger keine Ahnung hatten, wie die Grenze aufgebaut war (Woher auch?), dachten sie, sie seien schon drüben. Bis sie an der richtigen Mauer waren, hatte die alarmierte Patrouille sie geschnappt.
  • bellenden Hunden und Hundezaun bei schwer kontrollierbarem Gelände
  • Wachtürmen. Die berühmten grauen Klötze sahen anfangs so merkwürdig aus wie der hier, nur etwas höher, nämlich 11 Meter. Diese instabilen Türme hatten keine Heizung, kein Klo und keinen wirklichen Schutz vor Sturm und Gewitter. Später wurden deshalb meist diese dickeren rechteckigen Türme gebaut, die an der Grenze (und auch in diesem Blog) öfter mal zu sehen sind.
 
  • Kolonnenweg aus Betonplatten für die Autos der Grenztruppen
Kontrollstreifen/"Todesstreifen" (10 m) mit
  • gepflügter Erde, damit alle Fußspuren zu sehen sind
  • KFZ-Sperrgraben oder Panzersperren (in Hötensleben letzteres), damit niemand im Auto volle Kanne auf den Zaun zurasen und ihn so zerstören kann
  • Streckmetallzaun, also eine in die Länge gezogenen Metallplatte mit kleinen, rautenförmigen Löchern. Wenn man da die Finger reinkriegt, werden sie beim Klettern fies eingequetscht. Nur mit einer Leiter oder Kletterausrüstung kommt man rüber. In der Nähe von Ortschaften stand stattdessen eine Mauer wie in Berlin mit einer runden Wurst obendrauf, an der keine Hand und kein Kletterhaken Halt findet. In Hötensleben sind sowohl Mauer als auch Streckmetallzaun zu sehen.

Geländestreifen (bis zu 400 m)

Hatte man diesen Zaun überwunden, war man immer noch auf DDR-Gebiet und konnte erschossen werden. Auch die bunten Pfeiler mit der DDR-Flagge standen nicht genau auf der Grenze. Die wahre Grenzlinie markierten unauffällige Grenzsteine (bei Hötensleben der Bach hinter dem braunen Schild). In diesem Gebiet durften nur ganz besonders vertrauenswürdige Grenzsoldaten patrouillieren, denn selbst der eigenen Armee konnte man nicht vertrauen. Für Westdeutsche war das Gebiet auch nicht ganz ungefährlich. Sie dachten, die Mauer sei die Grenze, und betraten versehentlich DDR-Gebiet, womit sie sich in der DDR strafbar machten. Der Bundesgrenzschutz stellte deshalb Warnschilder vor den Grenzsteinen auf.


Hinter dem Flächendenkmal bin ich auf der Straße nach Niedersachsen zurückgekehrt. Sie führt an einem gewaltigen braunen Krater vorbei, wo Braunkohle gefördert wird. Am Rand dieses Lochs stehen ein paar Fördermaschinen und Findlinge.
In der Erde befinden sich Salzstöcke. Die haben dafür gesorgt, dass sich die Erde dazwischen immer weiter absenkt und sich immer neue Erdschichten ablagern. Deswegen wurden hier versteinerte Palmen und Seegraswiesen aus früheren Warmzeiten gefunden.

In der Altsteinzeit jagten hier einige Exemplare des Homo Erectus Pferde. 1994 wurden beim Braunkohletagebau die Pferdeskelette und acht Speere aus der Altsteinzeit gefunden. Das sind die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Welt. Bisher war nicht bekannt, dass der Homo Erectus so gute Waffen herstellen konnte, heutige Wurfspeere sind auch nicht viel besser.
Deshalb hat die Stadt Schöningen ein spiegelndes Steinzeitmuseum namens Paläon errichtet. Rundherum stehen ein Spielplatz, ein Platz zum Speerwerfen und so was. Das teure Museum mit seiner Architektur, die nicht wirklich zum Thema Steinzeit passt, ist bei den Schöningern sehr umstritten.

Die stillen Backsteindörfer auf der Strecke sehen alle ungefähr so aus.

Zurück in Sachsen-Anhalt folgt eine unglaublich blöde, öde Strecke. Diese Landschaft trägt den grammatisch fragwürdigen Namen Großes Bruch. Sie ist grün-braun, flach und verdammt langweilig, der Harz liegt noch in weiter Ferne. Ich komme eigentlich aus einer flachen Gegend, aber das hier ist weitaus flacher als alles, was ich von dort kenne. Die Sonne brannte in meine Haut, mein Blick fand nirgendwo einen Halt und ich konnte die Hoffnungslosigkeit der abgehängten Dorfbewohner dieses Ödlands beinahe körperlich spüren. Und das nach nur fünf Kilometern.
Am sogenannten Hessendamm, der für den Mauerbau abgerissen wurde, führt ein endloser Betonplattenweg schnurgeradeaus nach Westen. Ich habe nichts gegen Betonplatten, wenn sie so aussehen wie auf diesem Foto. Leider war das häufig nicht der Fall. Der Weg sah über viele Kilometer aus, als sei dort im Kalten Krieg ein Bataillon Panzer drübergerollt, von denen die Hälfe explodiert ist. So kam ich manchmal quälend langsam voran. Diese schiefen, zersplitterten Betonplatten haben meinen Fahrradschlauch schließlich zum Platzen gebracht.

Zwischendurch bin ich noch einmal nach Niedersachsen gewechselt, wo der Weg etwas besser war. Auch hier stehen Reste des Streckmetallzauns am Wegesrand, außerdem ein Grenzturm. In einem Glaskasten hängen Zeitungsausschnitte, die berichten, wie der Ministerpräsident bei der Grenzöffnung auf dieser Straße tanzte.

Hier wurden die ollen Betonplatten mal abgetragen. Sehr lobenswert!

In Hornberg endet dieser Weg. Endlich geht es wieder nach Süden zum Harz!
Hornberg besteht aus roten Fachwerkbalken, auf denen stets ein Bibelvers steht. Dieser Ort ähnelt bereits einer Harzstadt.

Hinter Hornberg musste ich eine grüngelbe Hügelkette überwinden, die ich die ganze Zeit schon nebenan gesehen hatte. Dabei bin ich ein wenig vom rechten Weg abgekommen. Auf der Hügelkette beginnt noch einmal Sachsen-Anhalt.

Aber nur ganz kurz, dann folgt wieder Niedersachsen. Und wieder sind Überreste der Mauer erhalten geblieben. Dieses Denkmal geht auf die Initiative einiger Schüler zurück.

Schließlich gelange ich auf eine Straße, die schnurgeradeaus auf den Harz zuführt. In der Nähe stehen mehrere Mahnmäler, die an den Eisernen Vorhang erinnern. Eines davon nannte der Künstler Schrotthaufen der Weltgeschichte. Es besteht aus zehn Stahlplatten, deren Entfernung immer größer wird.
Hier erreiche ich ein letztes Mal Sachsen-Anhalt.

In der Nähe liegt der älteste erhaltene Bahnhof Deutschlands. Der Bahnhof Vienenburg ist schneeweiß und sieht gar nicht mal so alt aus.

Und da ist ja das erste Stück Wald, das aus dem Harz herausragt! Anfangs ist dieser Wald flach, aber irgendwann wird er hügelig. Da drin verläuft auch die Grenze auf dem Fluss Ecker (der über die Oker in der Aller landet). Der Radweg führt am Waldrand hinüber nach Niedersachsen, wo ich dann auch geblieben bin. Das war definitiv genug Strecke für heute, also habe ich den Wald-Ausläufer durchquert und bin in Bad Harzburg mit dem Zug weggefahren.
Bei Stapelburg trifft die Grenze dann auf den Harz. Dieser Ort ist bekannt für den Jungborn, die erste Naturheilstätte Deutschlands.

Diese Betonbrücke ist das letzte, was Radfahrer für lange Zeit von der Grenze sehen. An diesem unauffälligen Grenzübergang von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt wechseln der Europa-Radweg R1, der Radweg Deutsche Einheit von Bonn nach Berlin und der Harzrundweg in den ehemaligen Ostblock.
Die Ecker verschwindet mitsamt der Grenze tief in den Bergen. Dieser Teil des Grünen Bands ist sehr interessant und möglicherweise der landschaftlich schönste Abschnitt, aber auch dermaßen unwegsam, dass die Radroute komplett woanders langführt.
Wer ihn sehen will, muss wandern.